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Chronik Kapitel


Anfänge im Charlottenburger Kiez 1888 bis 1909

Durch die Initiative von vier Mitgliedern der Baptistengemeinde in der Schmidstraße - dem Ehepaar Gabriel, Auguste Schindler und einer "Schwester Haß", die im ersten Mitgliederverzeichnis allerdings nicht mehr erwähnt wird - entsteht im Jahr 1888 die Stationsgemeinde Charlottenburg, die im ersten Jahr ihres Bestehens auf siebzehn Mitglieder anwächst. Für eine Monatsmiete von 10,- Mark mieten sie in der Potsdamer Straße 10, heute Seelingstraße 28, ein Zimmer, in denen die Versammlungen der Gemeinde stattfinden. Nur zwei Jahre später zieht man aber schon in ein größeres Zimmer um, allerdings nur einige Häuser weiter in die Potsdamer Straße 3. Die Gottesdienste finden am Sonntagnachmittag um 16 Uhr statt, wohl weil ein Teil der Mitglieder morgens auch am Gottesdienst der Hauptgemeinde in der Schmidstraße teilnehmen will. Mittwoch abends um 20 Uhr trifft man sich regelmäßig zur sogenannten "Gebetsstunde", in der ein Bibeltext ausgelegt wird und zu frei gesprochenen Gebeten der Anwesenden Gelegenheit ist. Ein Chor wird 1891 noch unter der damals üblichen Bezeichnung "Gesang-Verein" gebildet, was auch die Tatsache erklärt, daß der heutige Gemeindechor bereits 1991 sein hundertjähriges Jubiläum feierte.

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Man versteht sich in der Potsdamer Straße in Charlottenburg als Gemeinde im urchristlichen Sinne, die nicht zuletzt von der Qualität ihrer Gemeinschaft lebt. Daß die kleine Stationsgemeinde in Charlottenburg allerdings keine "geschlossene Gesellschaft" ist, die von der Außenwelt abgeschottet nur für sich existiert, wird deutlich daran, daß der Versammlungsraum in der Potsdamer Straße bald zu klein für die wachsende Gemeinde ist. Aus Ostpreußen - wo Johann Gerhard Oncken bereits 1841 in Memel eine Gemeinde gründete - ziehen Baptisten nach Berlin zu und werden in Charlottenburg herzlich aufgenommen, so daß sie sich gerne in der neu gefundenen Gemeinde engagieren. Aus Platzmangel wird ein weiterer Umzug in größere Räumlichkeiten absehbar. Zunächst findet die Gemeinde eine neue Heimat in der Spandauer Straße.

1896 zieht man dann in die Schillerstraße 41, wo schließlich die selbständige Baptistengemeinde Berlin-Charlottenburg ihren ersten Versammlungsort finden soll. Im Oktober 1898 wird die Station in Charlottenburg als Gemeinde mit 51 Mitgliedern von der Muttergemeinde Berlin-Schmidstraße in die Selbständigkeit entlassen. Den Prediger und Ältesten, Benjamin Schil¬ling, muß sich die Gemeinde allerdings noch vier Jahre lang mit der Baptistengemeinde "Bethania" in "Berlin NW" (Moabit) teilen, die als Stationsgemeinde der Baptistengemeinde in der Gubener Straße gegründet wurde. Neben dem Prediger sind im sogenan¬nten Vorstand der Gemeinde ferner Heinrich Pätz, David Raschke, Wilhelm Granzow und Herrmann Miske mit Leitungsaufgaben betraut. Im Zentrum des Lebens der Gemeinde stehen die Sonntagsversammlungen, die sich allerdings nicht in einem einstündigen Gottesdienst am Vormittag erschöpfen. Gottesdienste finden sowohl am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr als auch am Sonntagnachmittag um 16.00 Uhr statt. Im Anschluß an den Vormittagsgottesdienst bemüht man sich dann um die religiöse Erziehung der Kinder in der "Sonntagschule", die allerdings in den ersten Jahren, so klagt man, an zu geringer Beteiligung leidet. Am späten Nachmittag, nach dem zweiten Gottesdienst, trifft sich schließlich noch die Jugendgruppe.

Wie auch schon während ihrer Zeit als Stationsgemeinde ist die Frage nach den Versammlungsräumlichkeiten ständiger Gesprächsstoff unter den Gemeindemitgliedern, war doch jeder Umzug mehr Veränderung als Verbesserung. So liegt der Gemeindesaal in der Schillerstraße 41 über einem Kuhstall, und nicht nur zu den Gottesdiensten am Heiligen Abend brüllen die Kühe so laut, daß die Predigt nicht selten eine unerwünschte Begleitmelodie erhält. Der Prediger Benjamin Schilling beklagt im Jahresbericht der Gemeinde von 1901: "Unser dürftiges Lokal, das lange schon unserer Mission ein trauriger Hemmschuh ist, gestattet leider nicht, daß die Vereine zu einer mehr erwünschten Kraftentfaltung kommen. Es ist bekannt, daß die Gemeinde den Prediger und Vorstand beauftragt hat mit allem Ernste, auf dem sich nur bietenden Wege, an die Beschaffung eines geeigneten Lokals heran zu gehen." Nach einem Umzug in das Nachbarhaus Schillerstraße 42 im Jahr 1902 stehen zwar mehr Versammlungsraum und eine Wohnung, die weitervermietet wird, zur Verfügung, und die Lieder, Gebete und Predigt können ohne unerwünschte tierische Nebentöne erklingen; aber auch hier ist die Lage alles andere als ideal. Über den Versammlungsräumen befinden sich Festsäle, die von der tanzlustigen Bevölkerung des Charlottenburger Kiezes häufig benutzt wurden. In der "Geschichte der Baptistengemeinde Charlottenburg", die zum fünfzigjährigen Bestehen herausgegeben wurde, heißt es: "Während um die Erweckung neuer Seelen gerungen wurde, schwankte die Decke unter den Tanzschritten, kostümierte Masken kamen die Treppe herunter, die die Menschen der anderen Welt belustigt betrachteten."

Wohl nicht zuletzt wegen der Kompromisse, die man immer wieder im Blick auf geeignete Räumlichkeiten machen muß, wird 1904 eine "Kapellenbaukasse" eingerichtet, damit in nicht allzu ferner Zukunft endlich ein Umzug in ein eigenes Gebäude möglich wird. Dieser Traum soll allerdings erst nach sechzehn Jahren Wirklichkeit werden. Die Einrichtung des Baufonds ist innerhalb der Gemeinde nicht unumstritten, gibt es doch immer wieder in den Anfangsjahren finanzielle Engpässe, weil die Spendenfreudigkeit einzelner Mitglieder der Gemeinde - wie die in den Jahresberichten veröffentlichten Listen der Beiträge zeigen - geringer als erwartet ist. Trotz mancher Anfangsschwierigkeiten wächst die Gemeinde, so daß sie im Jahre 1905, als die Kündigung ihres ersten Predigers erfolgt, bereits 269 Mitglieder zählt. Davon gehören allerdings 81 zu den Stationsgemeinden Brandenburg und Potsdam. Da die Gemeinde selbst als Stationsarbeit entstanden ist, schien es nur natürlich, daß sie, als sich die Gelegenheit im Jahr 1900 bot, die Stationsgemeinde Brandenburg von der Baptistengemeinde in der Gubener Straße in Friedrichshain übernahm. Ende desselben Jahres gründete man in Potsdam eine weitere Station mit 15 Mitgliedern, die langsam aber stetig wuchs. Eine weitere Übernahme einer Station der Gemeinde Steglitz in Wilmersdorf im Jahr 1902 und die Gründung der Stationsgemeinde Nowawes mit 18 Mitgliedern machte aus der vor kurzem selbstständig gewordenen Tochtergemeinde bald schon eine Muttergemeinde, die an vier Stationen ihre Mission unternahm.

Dem Wachstum der Gemeinde förderlich ist auch die evangelistische Arbeit des neuen Predigers, Johannes Rehr, der im Januar 1906 seinen Dienst antritt. Noch im selben Jahr werden 43 Menschen durch Taufe in die Gemeinde aufgenommen. Im nächsten Jahr sind es 41 Personen. Auch die Sonntagschule, die in den ersten Jahren über zu geringe Beteiligung klagte, wird mehr und mehr zu einem der wesentlichen Arbeitszweige des Gemeindeaufbaus. Im Jahr 1907 besuchen durchschnittlich 125 Kinder die "Sonntagschul-Stunden" nach dem Vormittagsgottesdienst. Neben den traditionellen Formen der Evangelisation werden aber auch durchaus innovative Möglichkeiten angedacht und eingeführt. So beginnt die Gemeinde 1905 eine Öffentlichkeitsarbeit, indem sie Anzeigen über ihre Versammlungen am Sonntag in den Berliner Zeitungen erscheinen läßt. Den Standort im Charlottenburger Kiez mit seinen Hinterhöfen beginnt man im Jahre 1908 nicht nur als manchmal beklagte Gegebenheit zu sehen, sondern auch als besondere Möglichkeit: die missionarische Arbeit des "Hofsingens" wird begonnen. Im selben Jahr wird für die Stationsgemeinde Potsdam "Bruder Paasche", frischer Absolvent des Predigerseminars in Hamburg-Horn, als Prediger angestellt, der hauptsächlich in der neu begonnenen Soldatenmission tätig werden soll.

Veränderungen gibt es nach dem ersten Predigerwechsel in Charlottenburg auch in Bezug auf die Leitungsstruktur. Vereinte Benjamin Schilling noch die Ämter des Predigers und Ältesten der Gemeinde in Personalunion, so ging man mit dem Dienstbeginn von Johannes Rehr dazu über, diese Ämter voneinander zu trennen. Die "Entwicklungen drängten zur Arbeitsteilung und zur demokratischen Leitung der Gemeinde", so heißt es als Fazit dazu in der "Geschichte der Baptistengemeinde Charlottenburg", die zum 50jährigen Jubiläum herausgegeben wurde (S. 7) . Zwischen den Zeilen hört man heraus, daß die Vereinigung der beiden Ämter in der Person des ersten Predigers der Gemeinde nicht nur nützlich war. Im Jahre 1905 wird "Bruder Grundke" als Ältester der Gemeinde berufen. Er übt sein Amt aber nur für kurze Zeit aus, da er drei Jahre später aus beruflichen Gründen Berlin verlassen muß. Sein Nachfolger, August Reck, wird erst 1910 berufen und nimmt die Aufgaben des Ältestenamtes sechsundzwanzig Jahre lang bis zu seinem Tod 1937 wahr.

Eines der herausragenden Ereignisse am Ende des ersten Jahrzehnts des Bestehens der Gemeinde ist der erste Kongreß der europäischen Baptisten, der vom 29. August bis zum 3. September 1908 in Berlin stattfindet und von den Berliner Gemeinden organisiert wird. Wenn auch die Planung dieses Kongresses im Vorfeld von kritischen Fragen begleitet ist, bezüglich "eitler Ziele", die sich dahinter verbergen könnten, so läßt doch die Erfahrung während der Kongreßtage all diese Bedenken wegfallen. Die Begegnung mit anderen Mitgliedern aus Baptistengemeinden jenseits der Grenzen Deutschlands wird zu einem mutmachenden Ereignis für Christen, die sich von Staat und Kirche oft in eine "zweite Klasse des Bürgertums" hineingedrängt und übersehen fühlen. Auch wenn die Freikirchen ansonsten zumeist ignoriert werden, kann man die Präsenz der Baptistengemeinden in Berlin in diesen Tagen nicht übersehen. Tausende strömen täglich zu den Veranstaltungsorten, und die Öffentlichkeit nimmt Notiz, auch wenn man vergeblich auf offizielle Grußworte der Kirchenleitungen und Stadtvertretung wartet. Fast täglich wird in Zeitungen von dem Kongreß berichtet. Am Sonntag, den 30. August, finden Veranstaltungen auch in der Schillerstraße 42 statt. Deutsche und internationale Gaeste predigen und geben Berichte aus ihren Gemeinden. "Das war wahrlich ein Tag voll Sonnenschein," schreibt Johannes Rehr in seinem Bericht, "ein Tag der köstlichsten Gemeinschaft, des Lobens und Dankens, ein Tag neuer Beugung und Hingabe" (Offizieller Bericht über den 1. Kongreß der europäischen Baptisten, 64).

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